4. russischer Tag – Miriam
Aufbruch und Umzug am Morgen nach Nizhny Tagil, 60 km nördlich von unserer „Homebase“.
Holgers Waschbrett (…njet, nicht -Bauch) für die Rhythmusgruppe schaut vor lauter Spielfreude langsam aus der… tätätätääää: Wäsche! Da.
Wir versuchen unser Glück im örtlichen Tante Emma Laden ein neues zu finden. Als Stefan danach fragt, während Holger es den beiden Damen vor die Augen hält, sagt die eine: „Das ist aber schon ganz schön alt.“ Irgendwie schon sehr lustig, wenn man sich hier im Laden umschaut und eingestaubte Waren sieht, die geschätzt aus der letzten Zarendynastie stammen.
Nach wenigen Kilometern kommen wir in eine Polizeikontrolle. Erstaunlicherweise ist der junge Polizist sehr freundlich, lächelt und kann es nicht glauben, dass sich lauter Deutsche im Auto befinden, die hier offensichtlich freiwillig sind.
So ganz dahinter gekommen bin ich noch nicht:
Wie lässt sich die russische Attitüde knacken? So weit und groß sich das Land anfühlt (und: ja, ich bin mir darüber im Klaren, welch miniminikleinen Auszug wir davon nur ansatzweise mitbekommen) so weit voneinander entfernt fühlt sich das Zwischenmenschliche in den ersten Sekunden einer Begegnung (selbst mit vorbei huschendem Augenkontakt) an. Damit meine ich ausschließlich die Momente mit Erwachsenen.
Bei den Kindern, auf die wir bisher gestoßen sind, ist das anders: der Kontrast, wie sehr diese auf uns reagieren und der anfänglichen „Contenance“ der Erwachsenen drumherum, könnte für mich nicht größer sein. Das Lachen ist so herzlich, dass sich die Großen davon irgendwann nicht mehr abgrenzen können und nach anfänglichem „Hand vor den Mund“ Halten und „Oh Gott, hoffentlich sieht man nicht, dass ich eigentlich gern lachen würde“ dem Gefühl der Ausgelassenheit hingeben. Und das ist wundervoll miterleben zu dürfen!
Mehrmals haben wir im Nachhinein erfahren, dass die Erwachsenen den Kindern während unsrer Show „Lacht nicht so laut!“ zuriefen. Tja, und dann erwischt es die Schimpfer doch selbst. Ts.
Nizhny Tagil mit seinen 350.000 Einwohnern lebt hauptsächlich vom Panzer- und Wagonbau. Danach kommt der Stahlbau. Als wir in die Stadt einfahren sehen wir braunschwarz-gelb-roten Ruß aus den Essen der Fabriken am Stadthorizont.
In unserem Zimmer hängt ein kunstvolles Plexiglasbild mit Panzermotiv. So auch über der Toilette. Ein Souvenirladen im Hotel verkauft kleine Panzer, Panzerschuhe, Panzer-T-Shirts, Panzermagnete, Panzerseife,… alles also, was das – Achtung: Panzer Insider – T34-er Herz begehrt.
Wir sind in einem 4 Sterne Hotel untergebracht das uns die Unterkunft für die kommenden 2 Nächte umsonst zur Verfügung stellt. Die einzige Bitte: Zwei Shows in ihrem Haus spielen. Jetzt muss man an dieser Stelle erwähnen, dass es für ein Unternehmen in dieser Region nicht gängig ist, Charity-Veranstaltungen zu organisieren.
Die 1. Show mit ca. 120 Waisenkinder und deren Betreuern war schwierig zu spielen, zumal wir uns in einem großen grauen Teppichraum mit riesigen Vorhängen aufhielten. Das Ambiente erinnerte eher an einen Konferenzraum mit zugehöriger Powerpointpräsentation. Einige der Kinder, aber das bemerkten wir erst während der Show, waren geistig und körperlich beeinträchtigt.
Es dauerte eine Zeit bis auch die Erwachsenen mit uns „warm“ wurden. Am Schluss war jedoch alles wie gewohnt und das Eis gebrochen.
Nach der Show wurden wir vom russischen Fernsehen interviewt, das uns bereits während der Show filmte. Es gab für unsre heutige und auch morgige Show Ankündigungen im regionalen Fernsehen. Teilweise mit falschen Zeitangaben. Egal.
Die 2. Show (im selben Hotel, aber anderem Stockwerk und kleinerem Raum) mit ca. 60 Zuschauern war komplett anders. Drei Kinder in der ersten Reihe waren während der Show kaum zu halten. Immer wieder sprangen sie von ihren Stühlen, schrieen, kommentierten, meldeten und verbesserten unsre Show. Eine piekste sogar in Heikovskis Popo. Fantastico!
Sehr konträrer Tag. Weg vom ländlichen Gänse-Idyll in Byngi hin zur größten Panzer-Stadt Russlands Nizhny Tagil.
Morgen warten 4 Shows innerhalb von 4 Stunden auf uns. Wie schön: Gute Nacht!