In den letzten Jahren fanden bereits fünf Reisen in den Libanon mit den Clowns ohne Grenzen Deutschland statt. Schon in den vorherigen Reisen hat sich gezeigt, dass das Wiederkommen bzw. Nicht-Vergessen-Werden für die Menschen von zentraler Bedeutung ist und die Clowns mit großer Freude erwartet und willkommen geheißen werden.
Bei der letzten Reise in den Libanon konnten allerdings einige Spielorte aufgrund der angespannten politischen Lage nicht besucht werden. Dies betrifft die Camps der palästinensischen Geflüchteten im Süden von Beirut. Diese Orte sollen in der geplanten Reise besucht werden.
Itinerary Date :12.05.202624 Stunden
09.05.2026
Noch nie haben wir solange gewartet, um letztlich erst 24h vor dem geplanten Start grünes Licht für eine Tour zu geben; zahllose Informationen, Planungen, Verwerfungen, Zweifel und Hoffnungen – bis es nun doch klappt – Anita ist in den Libanon gereist, um mit unserer libanesischen Logistikerin Kamar und den beiden Clowns aus Beirut, Abbas und Jad, wenigstens eine gute Woche lang für die Kinder des Landes zu spielen; absolut zuversichtlich, dass die Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon hält und in vollstem Vertrauen auf ein absolut verlässliches Netzwerk.
Beim Landeanflug auf Beirut am späten Nachmittag sind zerbombte Häuser zu sehen; auch wenn die Stadt Anita mit einem sanften lila Sonnenuntergang empfängt, ist sofort zu spüren, dass es diesmal anders werden wird als bei den letzten Touren, wie ein Hauch von großem Respekt vor dem was einen erwartet. Die Wiedersehensfreude und der Empfang sind überschwänglich und herzlich, und die Clowns-Ohrringe werden vergnügt angelegt.
Die Probenvorbereitungen am nächsten Morgen beginnen voller Spaß und Vorfreude. Wir vertrauen, und werden von Tag zu Tag schauen, was möglich ist – und hoffentlich einige Orte besuchen können die letztes Jahr nicht dran waren.
Burj Barajneh
10.05.2026
Mitten in die letzten Vorbereitungen für die erste Show kommt abends nach 8 die Nachricht, dass die israelische Armee das Viertel Dahiye in Beirut bombardiert hat – ausgerechnet das Viertel, in dem die morgige Show geplant ist. Ziel des Bombardements war wohl ein hochrangiger Kommandeur einer Hisbollah Spezialeinheit. Nach hektischen Versuchen, an bessere Informationen zu kommen beschließen wir, die Nacht abzuwarten. Aus Erfahrung hat sich gezeigt, wenn es nicht weiter eskaliert, ist am nächsten Tag „business as usual“ möglich.
Es eskaliert nicht, und wir beschließen, es zu wagen und uns auf den Weg zu machen, um eine Schule in Burj Barajneh, einem palästinenschischem Flüchtlingscamp im Süden Beiruts zu besuchen, die im Lauf der Jahre sehr stark von der Karawane der Menschlichkeit unterstützt wurde. Unmittelbar nach den Spieltagen im Libanon werden wir die Karawane auch in Kairo treffen, um gemeinsam ein Projekt in Ägypten durchzuführen.
Als wir nach Dahiye kommen, haben wir alle gespannte (Un-)Ruhe. Und merken sofort, es ist so anders als die ersten Male, als die Clowns hier gespielt haben; gefühlt ist nur ein Fünftel der Menschen auf der Straße, und die Augen, die Blicke und Bewegungen der Menschen sind nicht so wie immer. Die Häuser wirken noch verfallener, und viele Menschen extrem dünn.
Als wir da sind, werden wir herzlich begrüßt, aber auch hier merken wir, die Menschen sind anders geworden; sie zu kontaktieren, ihnen zu begegnen ist wie wenn man zuvor durch einen grauen Schleier muss.
Irritierend ist, dass während der Show viele Drohnen zu hören sind. Die Leute erzählen, dass es einige Tage Pause gab, seit gestern sind sie wieder da. Aber wir sind auch da. Und wir spielen! Bei den Kindern ist die Begeisterung voll vorhanden; wir haben auf dem vorab gemieteten Sportplatz eine total schöne Premiere vor wahnsinnig aufmerksamen Kindern. Manche waren sogar letztes Jahr schon da und kennen Teile der Show, und suchen nach der Show den Kontakt zu den Clowns.
Und wir sind glücklich, dass es geklappt hat und gelungen ist, die Kinder zu besuchen.
Furn Elshbak und Burj Hamoud
11.05.2026
Unsere zweite Show haben wir in einer Schule in Furn Elshbak gespielt, die gerade als Flüchtlingsunterkunft für die aus dem Südlibanon stammenden Familien dient. Mehrere Familien gleichzeitig sind in den Klassenzimmern untergebracht. Die meisten kommen aus dem Grenzgebiet zu Israel und mussten durch die Kampfhandlungen ihre Dörfer verlassen. Gekocht wird im Flur. Wir haben eine Frau kennengelernt, die 12 solcher Unterkünfte in Beirut betreut und finden schon jetzt schade, dass wir nicht schaffen werden, alle zu bespielen. Überall könnte man spielen, aber man braucht auch für die staatlichen Einrichtungen Erlaubnis und Papiere, was mehr Zeit benötigen würde.
Viele durch die Bombardements Vertriebenen leben im Stadtgebiet entlang am Meer auch in Zelten. Kilometerweit kann man sie sehen. Kamar hat es heute sehr berührt, sie kennt es weil sie Kind im Krieg war und es kann gerade jeden Augenblick passieren, dass man selbst in diese Situation kommt. Es ist schon der 4. Krieg, den sie erlebt und dabei dauert es noch eine Weile bis sie überhaupt 35 wird.
Die libanesischen Clownskollegen arbeiten nebenbei noch in ihren normalen Jobs weiter und machen somit Doppelschicht, bei sehr wenig Schlaf. Ein Hoch auf Ihre Flexibilität, um mit uns zusammen dieses Projekt zu gestalten. Wir sind ein feines Team, jeder schaut nach jedem ist mit vollem Herzen dabei.
Die dritte Show spielen wir in Burj Hamoud Garten, im Armenischen Viertel Beiruts. Da der Libanon sehr gemischt ist mit verschiedenen Kulturen, kann man von einer Straße zur anderen die Unterschiede spüren.
Für die dortige „migrant community in Lebanon“ war schon letztes Jahr eine Show geplant – es sind ausländische Hausangestellte, für die im Libanon kein Arbeitsrecht gilt. Ihnen werden meist die Pässe abgenommen und sie bekommen keinerlei mediale Unterstützung.
Unter einer Autobrücke haben wir zusammen die bunten Momente der Show erlebt; zack haben wir mit Tischen einen Hintergrund gebaut und eine Spielstätte entstehen lassen.
Nach der Show gibt es immer Hunderte Fotos; die Kinder suchen dann immer sofort den direkten Kontakt mit Wahid, Rockstar und Fatusch, den 3 Clowns. Kamar nimmt sich dann immer die Zeit, ein bisschen die Kinder zu schminken.
Und nachdem alle Hunderte Fotos gemacht sind, ließ einer der kleinen Jungen einen Clown trotzdem nicht mehr von der Hand los und hielt sie immer weiter und weiter; er wollte ihn mit nach Hause nehmen.
Shatila
12.05.2026
Shatila ist eine „Legende“ – oder zumindest eine „Institution“. oder sagen wir einfach, neben Burj Barajneh eine der ältesten Palästinensischen Flüchtlingsunterkunfte in Beirut, vermutlich sogar der Welt – immerhin besteht es seit 1949, und hat eine Geschichte, die es weltweit bekannt gemacht hat; respektive ist die Geschichte von Shatila ein Spiegelbild vieler Geschehnisse im Nahen Osten in den letzten Jahrzehnten.
Zeitweise war Shatila mit einer der dichtbevölkertsten Viertel der Welt, immer wieder schwankte die Einwohnerzahl sehr stark; in den letzten gut zehn Jahren wurden auch viele Syrer hier mit aufgenommen. Die jedoch verlassen seit dem Ende des Bürgerkriegs in Syrien die umliegenden Staaten; viele gehen zurück, so auch Teile der hier lebenden Syrer.
Oxygen ist eine Schule in Shatila, die von Batul ins Leben gerufen wurde, einer Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den hier lebenden Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen; hauptsächlich lesen und schreiben beizubringen, da diese Kinder im Libanon nicht das gleiche Schulrecht haben wie die Libanesischen. Sie hat für uns einen Fussballplatz organisiert, da es sonst in den engen Gassen wenig Möglichkeiten gibt, für eine größere Ansammlung zu spielen. In der gemeinsamen Kooperation sind wir immerhin schon zum 5. Mal vor Ort, und werden sofort erkannt. Falafel und andere Mitspieler aus früheren Jahren werden vermisst.
Die Kinder hier sind für sehr viel Energie bekannt. Gut für uns, und wie schön, dass sie trotz der 30 Grad so konzentriert dabei waren. Und trotz der Drohnen, die heute wieder sehr zahlreich und laut über das Viertel schweben und ein merkwürdiges Gefühl erzeugen. Im Lauf der Tage lernt man hier, wenn die Drohnen schon den ganzen Tag sehr präsent sind, kann man sicher sein, dass die israelische Armee jemanden sucht und es nur eine Frage von Stunden ist, bis die nächste Rakete einschlägt oder Bombenexplosion das Viertel erschüttert.
Was bleibt uns da, als menschlich zu bleiben, das Schöne im Augenblick des sich wieder zu Begegnens genießen. Gerade hier. Gerade jetzt. Es fühlte sich sehr besonders an und gibt ein warmes Gefühl beim Umarmen.


























































