2019 Jordanien


14.10.2019 - 24.10.2019

Miriam Brenner, Philipp Marth und Scarlet Richter (Fotografin)


Diese Reise führt die Clowns ohne Grenzen Deutschland nach Jordanien. Begleitet uns hier in unserem Reiseblog und auf facebook!

Itinerary Date :17.10.2019

1. Tag

15.10.2019

Die ersten 24 Stunden in Amman sind durch. Es war der Tag der Rekapitulation. Falafel und Salata, aka Miri und ich haben uns vor bummelig vier Jahren das letzte Mal gesehen. Zwei, drei Mails waren alles, um uns im Vorfeld wieder in Erinnerung zu bringen. Die Aufgabe: die reibungslose Wiederaufnahme unserer Premium-Clowns-Show von 2015 im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Diesmal in den syrischen und palästinensischen Geflüchteten-Camps des Königreichs Jordanien.

Wir hatten als Referenz immerhin einen Videomitschnitt unserer allerersten damaligen Hauptprobe in München. Vieles wurde aber anschliessend im Reifeprozess wieder über den Haufen geworfen.
Wie also ging das alles nochmal? Wer zaubert wann welchen Jonglierball woher? Wie war nochmal die Verfolgungsjagd choreopraphiert? Was war eigentlich mit dem Kleiderbügel? Und wie könnte man alles noch geschickter zusammen bauen, als es eh schon war?
Geprobt wurde auf der Hotelterasse, das Wetter in einem der 10 trockensten Länder der Welt, meinte es gut mit uns, es war angenehm bewölkt und damit nicht zu heiss für die Mittagsprobe. Nach langwieriger Besprechung und Videoschau von 2015 wagten wir uns an einem ersten technischen Durchlauf. Über den zweiten Durchlauf brach dann schon die Dunkelheit herein. Ergebnis: Morgen um 10.00 Uhr gibt es noch einen Durchlauf, bevor wir dann endlich unsere erste Show in Jordanien spielen.

Als besonderes Schmankerl soll unsere diesjährige Tour Teil eines aufwändigen Dokumentarfilms werden. Dazu werden wir auf Schritt und Tritt von einem engagierten Filmteam begleitet, fürs erste sind das Scarlet an der Kamera und Hasan am Mikrofongalgen. Neben unserem eigenen Kuddelmuddel unter den Clowns, bekommt man also noch allerhand von deren technischem und organisatorischem Kuddelmuddel mit, das macht das ganze nochmal spannender. Zur Entspannung animieren die omnipräsenten Strassenkatzen zwischendurch zur Erstellung putziger Katzenvideos.

Soweit für heute von der sommernächtlichen Hotelterasse. Salam aleikum.

2. Tag

16.10.2019

Osman ist da!
Osman kam Mitten in der Nacht direkt aus Braunschweig zu uns geflogen, um uns bei unsrer Jordanien Tour als Übersetzer, Logistiker, Fahrer und überhaupt bei allem was fehlt zu unterstützen.
Osman hat 2013 zwei Touren nach Reyhanli, an die türkisch-syrische Grenze für und mit Clowns ohne Grenzen Deutschland organisiert. Er war damals schon ein Engel in kariertatmungsaktivem Hemd und hat durch seine hochsensible und diplomatische Art vieles Unmögliche möglich gemacht.

Osman habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Dementsprechend groß war die Freude heute Morgen.
Nachdem wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht haben, spielten Philipp und ich unsere Show so richtig mit Kostüm und – wie es sich gehört – allen Verfehlungen einer Generalprobe.

Unser Testpublikum bestand mindestens aus zwei kleine Mädchen, deren Vater (die Mutter spähte vom Zimmerfenster im 1. Stock herunter), sowie 2 Fußgängern, einem Taxifahrer, unserem Rezeptionisten und dem Herren von der Zahnarztpraxis gegenüber aus dem 4. Stock.
Philipp und ich merken danach beide, das die Show immer noch etwas zwickt und zwackt, sind dennoch sicher, dass die Show am Nachmittag im SOS Kinderdorf in Amman hervorragend laufen wird. Immerhin haben wir damit vor 4 Jahren so viele Menschen zu einem herzhaften Lachen verhelfen können. Warum sollte es also jetzt nicht klappen?
Vielleicht sind wir auch einfach zu streng zu uns selbst!?

Übrigens sitze ich gerade unter einem dichten Nadelbaum auf unserer Hotelterrasse.
Osman, Philipp und Scarlet sitzen um mich herum. Wir suchen Schutz vor dem Regen, der uns und der jordanischen Luft gut tut.
Wie Philipp bereits erwähnt hat, ist Jordanien zwar eines der 10 trockensten Länder der Welt, doch wir bekamen seit unserer Ankunft an jedem Tag ein paar Tropfen vom Himmel geschenkt.

Das Wetter sorgte heute Nachmittag auch für einen kurzen magischen Moment.
Während ich meine Seifenblasen aus dem roten Bären für die ca. 60 palästinensischen Waisenkinder aus drei unterschiedlichen Einrichtungen kitzelte, ging plötzlich ein Staunen und Raunen durch die Kinder und Erwachsenen. Gerne hätte ich es lediglich auf meine Seifenblasen bezogen, doch ich sah relativ schnell ein, das es nicht an den kleinen durchsichtigen Kugeln lag, sondern an dem riesigen Regenbogen, der sich hinter den Zuschauern über den Himmel hinweg zog.

Wir staunten alle und hielten inne. Ein Junge kam plötzlich zu mir und umarmte mich, und es kam mir so vor, als danke er mir nicht nur für den Regenbogen.

3. Tag

17.10.2019

Nach der Rückkehr im Hotel geht Miri noch schnell zum Kiosk nebenan, um etwas Feierabendsaft zu besorgen. Der Kioskverkäufer schaut sich gerade Videos auf seinem Handy an. „Nice Show“, sagt er, als Miri zur Kasse geht. Und zeigt ihr, was er sich gerade auf seinem Smartphone anschaut: Unsere Show von heute nachmittag wurde live gestreamt und bereits 50 mal auf Facebook geteilt! „All Jordan see your show!“

Wir waren heute in Talbieh, etwas ausserhalb von Amman, eine Siedlung, 1967 von palästinensischen Geflüchteten aus dem Westjordanland gegründet, die zwar mittlerweile aus gemauerten Häusern besteht, aber von den Bewohnern immer noch als Lager definiert wird.

Ankunft am Mittag im Hause von Sharhabeel, dem Oberhaupt von Talbieh, man könnte auch sagen: in der Residenz des Sheiks von Talbieh. Sharhabeel’s Vater hat Talbieh dereinst gegründet.
In einem der geräumigen Empfangszimmer, gesäumt von rundum laufenden Chaiselongues, wird bei Minztee und Bonbons dreisprachig gesmalltalkt und anhand von historischen Landkarten werden wir ein wenig in die wechselvolle Geschichte von Palästina und Israel eingeführt.

Es wird übrigens streng differenziert, zwischen den Juden, als Religionsgemeinschaft und dem Staat Israel. Und man kann hier übrigens sein Teeglas zu gut einem Drittel mit Zucker befüllen, ohne dumm aufzufallen.

Wie es so meine Art ist, dränge ich nach einiger Zeit, mit den Vorbereitungen für unsere Show zu beginnen, nicht, weil mich die Hintergründe zur Familiengeschichte nicht interessieren würden, sondern weil wir nun mal in erster Linie gekommen sind, um eine gelungene Vorstellung hinzulegen. Und dafür braucht es eben vorweg ein wenig Zeit und Konzentration.
In unserer Garderobe, offenbar dem Nähzimmer des Hauses, schläft ein kleines Kind auf einer Matratze am Boden. Also, pssst! Schön leise ums Kind herum umziehen und Requisiten präparieren.

Wir beginnen dann mit einer lautstarken Parade durch die baufälligen Gassen des Viertels, um unsere erste Show anzukündigen, die dann auf dem zentralen Kreisverkehr mit etwa 100 begeisterten Zuschauern stattfindet.

Nach kurzer Verschnaufpause gibt es die zweite Show, diesmal vor ca. 500 Kindern (diesmal waren auch die grösseren dabei, die jetzt Schulschluss hatten), aber auch vielen Erwachsenen. Und, sozusagen als Ehrengast, war auch Haja Schamieh bei unserer Show zugegen. Haja Schamieh, sie muss bestimmt 90 Jahre alt sein, ist die einzige noch Lebende, der 1948 aus Palästina Emigrierten. Alle anderen sind bereits in diesem Slum auf jordanischem Gebiet geboren.

Wir haben uns also, angefeuert durch enthusiastische Schlachtgesänge, durch unsere zweite Show gebrüllt und wurden nach dem Finale und dem obligatorischen Fotoshooting vom fast kompletten Publikum (ich denke Haja Schamieh ist mit ihren 90 Jahren nicht mehr mitgelaufen, aber ich habe da den Überblick verloren) mit einem gewaltigen Umzug und aus 500 Kehlen geschmettertem Hochzeitsmarsch (sic!) bis zu unserer Garderobe begleitet. Big Emotions!

Niemals zuvor gab es in Talbieh irgendetwas, das auch nur in die von Richtung Theater oder Circus ging. Niemals zuvor hat er die Kinder des Viertels so Lachen sehen, versicherte uns Sharhabeel. Mehr braucht man eigentlich nicht, um die Idee hinter Clowns ohne Grenzen zu erklären.

Anschliessend hat uns unser Gastgeber mit einem seiner sechs Brüder und keiner seiner sieben Schwestern zu einem fürstlichen Abendessen eingeladen, währenddessen wir über unser Goldstück Osman, unseren Tour-Manager, Fahrer und Übersetzer weitere Einzelheiten über die politischen Wirren in diesem nahöstlichen Melting Pot lernen durften.

Erst auf der Rückfahrt durch die abendliche Rush-Hour Ammans, merkte man unserem arabisch, englisch und deutsch sprechendem Osman im Auto ein wenig Konzentrationsschwäche an, als er, zwischen unseren Diskussionen um die Eindrücke des heutigen Tages und die Planungen für den folgenden Tag, unseren arabisch und englisch sprechenden Tonmann Hasan nach hinten rufend, nach dem Weg fragt: „Hasan, geradeaus?“ „Chu?“ fragt der zurück. Das sprachliche Missverständnis hat sich knapp, aber noch rechtzeitig aufgelöst, sodass wir gerade noch mal die Kurve gekriegt haben. Wir mussten abbiegen.

Gepostet am

19.09.2019