Zum ersten Mal in Ägypten
04.06.2026
Dieses Jahr führt uns eine unserer Reisen zum ersten Mal nach Ägypten.
Unser Team besteht aus den Clowns Anita als Kushari, Max als Tahini und Sonja als Falafel, sowie als Projektleiterin Meike, und unserer libanesischen Logistikerin Kamar, die nach Kairo mitgekommen ist. Wir freuen uns besonders, dass es einmal mehr gelungen ist, das Projekt gemeinsam mit der „Karawane der Menschlichkeit“ auf den Weg zu bringen. Immerhin nun schon zum sechsten Mal. Auf der Seite der Karawane ist die mobile Malwerkstatt mit Anja, Martin und Mirna dabei, sie bietet den Kindern die Möglichkeit sich künstlerisch auszudrücken und ihre Erlebnisse und Erfahrungen dadurch besser verarbeiten zu können. Pascal und Bruno, von der „Karawane der Menschlichkeit“ sind auch mit dabei und unterstützen uns organisatorisch, sowie mit ihren atemberaubenden Fotoaufnahmen.
Warum eigentlich Ägypten? Wenn man an Ägypten denkt, sind da die Pyramiden, das Meer, viele Touristen… Aber die politische Situation hier ist ziemlich komplex, das Land grenzt an den Gazastreifen und Israel, an Libyen und im Süden an den Sudan. In Ägypten sind laut UNHCR geflüchtete Menschen aus 62 Ländern registriert.
Auf der Tour wollen wir vor allem den Schicksalen der Menschen aus dem Gazastreifen und dem Sudan nachgehen, wo jeweils neue Maßstäbe an Armut und Grausamkeit gesetzt werden. Die aktuelle Geschichte des Gazastreifens haben wohl quasi alle in den letzten Jahren verfolgt, aus Gaza sind weit über 100.000 Menschen in Ägypten gelandet; aus dem Sudan sind seit Kriegsbeginn im April 2023 rund 1,5 Millionen Sudanesen nach Ägypten geflohen.
Wie immer ist uns Anliegen und große Motivation, diesen Menschen etwas Freude und Leichtigkeit zu bringen. Die Vorbereitungen gestalteten sich allerdings alles andere als einfach, da es für jede Show eine eigene Genehmigung benötigt und wir uns in der Öffentlichkeit möglichst unauffällig verhalten sollten.
Ein Clown? Unauffällig? Das ist doch ein Widerspruch in sich. Aber gut, wir sind bereit und werden sehen, was möglich ist, wenn wir erst mal vor Ort sind.
Im Land der Pyramiden
06.06.2026
Nachdem wir einen Tag lang angekommen waren und nochmal alles für die Tour vorbereiteten, konnte am zweiten Tag gleich unsere erste Show nicht stattfinden, da wir die Genehmigung der Behörden trotz langer Vorarbeit nicht rechtzeitig erhalten haben. Aber dank Anita, die ständig am Vernetzen ist, konnten wir uns spontan mit lokalen Clowns treffen um eine gemeinsame Jam-Session zu machen. Auch wenn der Premierentag somit ganz anders lief als geplant, wurde es ein tolles Willkommen, um sich interkulturell auszutauschen, gemeinsam zu trainieren und dadurch voneinander zu lernen.
Am dritten Tag nun ging es endlich los. Unsere erste Show spielten wir für die Majd Alamgad Refugee led organization, in der etwa 60 Kinder, mehreren Erwachsenen aus dem Sudan und dem Südsudan, aus Syrien, Eritrea, Yemen, Somalia und Äthiopien gekommen waren. Von den Balkonen wurden wir auch bestaunt und der Straße blieben immer wieder Leute stehen und ließen sich in unsere Show einbinden, was uns natürlich total freute und uns ein kleines bisschen stolz machte.
In vielen Gesprächen der ersten Tage erfahren wir mehr von der dramatischen Situation vieler Sudanesen in Ägypten. Wir lernen zu allererst, dass alle Nicht-Ägypter im Land, unabhängig von wo sie kommen und vom Grund ihres Aufenthalts, „Gäste“ genannt werden. Seit dem Kriegsausbruch im Sudan im April 2023 mussten Millionen Menschen fliehen. Viele suchten Schutz im Nachbarland Ägypten, um von dort aus weiter nach Europa zu reisen – doch seit einer strategischen Partnerschaft zwischen der EU und Ägypten im März 2024 ist dieses Unterfangen alles andere als leicht umzusetzen.
Immer wieder wird uns erzählt, dass die Menschen Angst haben, nicht bleiben zu dürfen; sie sind sehr dankbar, wenn sie Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung oder sicherem Wohnraum bekommen. Besonders schwierig ist die Situation für Frauen mit ihren Kindern, wenn sie in ständiger Unsicherheit leben müssen. Diejenigen, die helfen, haben wiederum die Herausforderung, die Finanzierung für die Miete, Lehrergehälter und Schulmaterialien auf die Beine zu stellen.
Heute aber, für einen Nachmittag, sind die Sorgen weggeblasen und alle freuen sich über diese wunderschöne Begegnung. Und wir auch darüber, dass unsere Feuertaufe á la bravour bestanden ist.
Die Schluchten der Stadt
09.06.2026
Die nächsten drei Tage sind wir mit dem UNHCR verabredet, der erste führt uns ins Community Center der UNHCR im Maadi Viertel, die beiden anderen ins örtliche Hauptquartier. Auf unseren Wegen durch die Stadt merken wir spätestens jetzt: Kairo ist rieeeeesiiiiiigggg. So groß wie das Rhein-Main-Gebiet? Größer? Und je heißer es jeden Tag wird und lauter und chaotischer, desto unendlicher fühlt es sich an. Das Thermometer zeigt 43°C.
Da das Center in Maadi eine Einrichtung ist, bietet sich uns ein anderes Bild als in den Flüchtlingslagern aus vorherigen Reisen. Da wo wir oft Teppiche im Matsch gesehen hatten, finden wir hier gefliesten Boden vor. Auch hier besteht unser Publikum aus Kindern vieler arabischer und afrikanischer Nationen mit ähnlichen Schicksalen, die uns mit weit aufgerissenen Augen und schallenden Lachen aufmerksam verfolgten. Was für ein Spaß!
Als wir am Tag danach im Hauptquartier der UNHCR ankommen, müssen wir erstmals unsere Ausweise abgeben und bekommen dafür einen Besucherpass umgehängt. Wir sind ready und voller Tatendrang, als wir uns durch ein paar schmale Gänge schlängeln wird uns klar, dass abertausende Menschen hier stundenlang ausharren müssen, aktuell sind es etwa zwischen 2500 und 4000 Menschen, die hier auf ihre Registrierung und die damit erhoffte Aufenthaltsgenehmigung warten. Die Stimmung ist angespannt und bedrückt… Natürlich, denn viele von ihnen wissen nicht wie es weitergeht. Man spürt und sieht es vielen an, was sie durchlebt haben müssen um hier zu sein. Vor allem die Ungewissheit macht ihnen zu schaffen.
Ähnlich wie bei unserer Reise nach Marokko wird uns auch hier erzählt, dass die EU vor zwei Jahren mit Ägypten ein umfassendes Abkommen zur Zusammenarbeit und zum – wie es genannt wird – Migrationsmanagement unterzeichnet hat. Solche Vereinbarungen gibt es auch mit Tunesien, Libanon, der Türkei und anderen Mena-Staaten, in der wirtschaftliche Hilfe seitens der EU auf der einen Seite steht; dafür verpflichten sich die Staaten andererseits, die Weiterreise der Menschen nach Europa zu verhindern. Wie sie das machen, ob sie den Gästen Rechte einräumen und welche Mittel und Maßnahmen sie dabei einsetzen, bleibt den Staaten selbst überlassen.
Neben dem großen Wartesaal ist ein kleines Zimmer, in dem schon etwa 50 Kinder auf dem Boden hocken und warten, dass endlich etwas passiert. Das lassen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Schon während unseres Intros bricht das Eis und schallendes Lachen erfüllt den Raum. Ein kleiner Junge kann sich vor lauter Aufregung und Begeisterung einfach nicht stillhalten und will immer zu uns auf die improvisierte Bühne kommen.
Das wundervolle dabei ist, dass andere Kinder ihn liebevoll aber bestimmt zurückholen, damit es ja weitergehen kann. Herrlich!! Wir blicken in dankbare Augen, was für ein Geschenk!
Vollkommen beseelt und gleichzeitig zutiefst berührt ziehen wir unter johlendem Applaus von Dannen.
Aber nur für eine kurze Verschnaufpause. Wir werden hier heute und morgen noch drei weitere Shows spielen. Singend und spielend hüpfen wir durch die überfüllten Wartehallen und schaffen es trotz der Schwere, wunderschöne Begegnungen zu kreieren. Pitschnass, fix und fertig aber auch voller magischer Momente im Herzen fahren wir in unser Hostel zurück.
Wie jeden Abend motivieren wir uns gegenseitig zu einer Feedbackrunde mit Organisation für den nächsten Tag, bevor wir müde in unsere Betten fallen.
Weit mehr als nur Fata Morgana
11.06.2026
Heute wollen wir einmal ein ganz herzliches Dankeschön an Kamar sagen, unsere Dolmetscherin, Logistikerin und Freundin, ohne die wir manchmal ziemlich aufgeschmissen wären. Wie schon in Beirut ist sie auch hier in Kairo mit dabei und hilft uns ein ums andere Mal aus jeder Patsche. Durch ihre unglaubliche Menschenkenntnis und Offenheit erleichtert sie alles enorm für uns. Natürlich auch, weil sie arabisch spricht und als Bindeglied zwischen den Kulturen fungiert, hamdullah!
Wir fahren hinaus aus der Stadt an den Rand des Nildeltas und besuchen Sekem, ein riesengroßes Projekt mitten in der Wüstenlandschaft.. Sekem wurde gegründet, um die biodynamische Landschaft in Ägypten bekannt zu machen und Bildung im Agrar-Bereich zu ermöglichen; dies mittels angeschlossener Universität, medizinischem Zentrum und einer Stiftung. Eine der größten Erfolge von Sekem war, in Jahrzehnte langer Überzeugungsarbeit die Verwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft in Ägypten um sage und schreibe 90% zurückzudrängen.
Die angegliederte Schule ist heute unser Ziel. Viele Kinder die hierherkommen, sind aus den angrenzenden Dörfern. Für sie spielen wir die bislang größte Show auf einer richtigen Bühne in einem beeindruckend großen Saal. 300-350 Kinder und das Lehrpersonal warten gespannt auf unsere Kunststücke.
Am Ende gibt es wie immer ein großes Abklatschen und wundervolle persönliche Begegnungen. Und da ist sie wieder die Magie…. Unglaublich… ein kleines Mädchen nimmt die Zahnbürste von Tahini und wirbelt sie um ihren Finger als ob sie nie etwas anderes gemacht hätte. Falafel kriegt es bis heute nicht hin.
Die Rätsel der Sphinx
13.06.2026
In unseren letzten drei Spieltagen müssen wir zwar das berühmte Rätsel der Sphinx nicht lösen, begegnen jedoch nochmal ganz neuen Aspekten und Fragen an ungewöhnlichen Orten. Beginnend in der Früh sind die Clowns in einem anthroposophischen Kindergarten. Unsere Blicke treffen sich… brauchen die uns hier wirklich so dringend? Aber dann erzählt uns die Leiterin mehr von ihrem Projekt. Die etwas reicheren Familien und Eltern bezahlen mehr, damit die Ärmeren sich es auch leisten können, ihre Kinder in den Kindergarten zu bringen. Auch dass die Kinder lernen ohne Vorurteile aufzuwachsen und verstehen, dass nicht alle Menschen gleichgestellt sind, aber doch gleich, finden wir ein tolles Konzept. Wir freuen uns, es unterstützen zu können.
Mittags fahren wir in ein Viertel, das ganz anders ist als bisher gesehene. Es wirkt wie ein Armenviertel, rauer aber auch herzlicher. Der Fahrer kann uns wegen der schlechten Straßen nicht bis zur Einrichtung bringen und fragt uns drei Mal, ob wir wirklich aussteigen wollen.
Wir bekommen Chai zur Begrüßung und während wir warten, trudeln plötzlich immer mehr von unseren ägyptischen Clownsfreunden ein, um unsere Show zu sehen. Es ist ganz zauberhaft! Kinder wie auch unsere neuen Freunde lachen sich kaputt. Juhuuu!!
Ein absolutes Highlight nach der Show ist ein kleiner Junge, der Tahinis Keulen haben will. Oha… er schnappt sich gleich alle drei und wirbelt sie wie ein Profi gekonnt durch die Luft. Alle sind baff und feiern ihn wie einen Rockstar. Aber: woher kann der das?
Am Tag darauf dann Drama! Wir haben dem Fahrer irgendwie die verkehrte Adresse gegeben, was eine Kaskade an unterschiedlichsten Pannen auslöst, die wir uns bis heute nicht erklären können. Immerhin kommen wir nach vielen unergründlichen Wegen durch die Stadt nur zweieinhalb Stunden später an. Wie soll man sich in diesem unendlichen Gewusel wirklich je zurecht finden?
Am letzten Tag bietet sich uns ein komplett neues Bild. Erwachsene und Kinder mit starken Behinderungen sind unser heutiges Publikum. Wir fragen uns, wie diese Menschen in der Gemeinschaft aufgehoben sind, spielen nur eine gekürzte Version unserer Show und entschließen uns mehr in den eins zu eins Kontakt zu gehen. Durch vorsichtige, einfühlsame Improvisationstechniken gehen wir auf ihre Bedürfnisse ein. Wir bekommen in den Gesprächen einen deutlichen Eindruck, dass behinderte Menschen in Ägypten nicht marginalisiert sind, sondern dass sich eine Vielzahl an zivilen, religiösen und Ngo-Organisationen um die Bedarfe kümmern und Hilfe anbieten, das tägliche Leben zu erleichtern. Die Formel scheint zu heißen: je niedriger der soziale Status einer betroffenen Familie, desto mehr Angebote können sie bekommen, und auf Unterstützung von gutherzigen Menschen zählen.
Am Nachmittag dann fragt uns der Fahrer wieder mal, ob wir hier wirklich aussteigen wollen. Einmal ist es umgekehrt! Wir sind ihm ein Rätsel – er versucht uns mit Händen und Füßen davon abzuraten. Süß… aber auch verständlich. Hier steigt normalerweise wahrscheinlich kein Fremder aus.
Sowohl auf der Straße, als auch in der Einrichtung werden wir sehr herzlich empfangen. Somit können wir die letzte Show dieses Projektes mit Pauken und Trompeten beenden. Um nach Hause zu kommen, beschließen wir die Locals zu unterstützen und stoppen kurzerhand ein Tuktuk. Für die jungen Fahrer ist es ein sichtlicher Spaß mit uns durch die Gegend zu brausen. Immer wieder müssen wir für Selfies anhalten. Für uns ein absolut schöner Abschluss.



























































