2009 Ukraine


28.04.2009 - 05.05.2009

Constantin Offel, Miriam Brenner, Marc Colli, This Zogg, Kathryn Rohweder (Fotografin)


Im Jahr 2009 fuhren wir für „Clowns ohne Grenzen“ in den Südwesten der Ukraine, nach Transkarpatien. Das Ziel unserer Reise war, für die Romakinder dort zu spielen.

Da auch die ukrainischen Kinder entbehrungsreich aufwachsen, entschieden wir uns, die Shows gerecht auf Zigeuner und Ukrainer aufzuteilen. Die dort lebenden Roma nennen sich „ziganaä“, deswegen verwenden wir in diesem Bericht auch den Begriff „Zigeuner“.

Das Gebiet Transkarpatien, das viele Jahrhunderte zu Ungarn gehörte, wechselte im 20. Jahrhundert fünf Mal die Staatzugehörigkeit. Seit 1991 gehört es zur unabhängigen Ukraine. Transkarpatien ist ein Grenzgebiet, das von dem Rest des Landes durch die Karpaten abgeschnitten ist. Es gibt dort kaum Industrie. Tourismus ist seit dem Ende der Sowjetunion kaum vorhanden. Als Folge daraus sind 80 % der Bevölkerung arbeitslos. Ein Großteil dieser Menschen versorgt sich selbst durch Bewirtschaftung kleiner Landparzellen in Handarbeit.

Zigeuner leben in Transkarpatien als fester Bestandteil der Dörfer und Städte, dennoch tauchen sie in offiziellen Minderheitenberichten nicht auf. Sie leben ohne jede Unterstützung vom Staat und haben kaum Zugang zu Bildung und Arbeit. Alkoholismus ist ein großes Problem unter den Erwachsenen, die keine Perspektiven in ihrem Leben sehen. Zusätzlich zur Isolierung von der restlichen Bevölkerung Transkarpatiens gibt es feste Hierarchien unter den Zigeunern. So haben einige wenige Familien eine Tradition als Musiker oder arbeiten saisonweise als Handwerker im Ausland. Diese Menschen leben oft in festen Häusern außerhalb der Zigeunerlager.

Aber die Mehrheit der transkarpatischen Zigeuner lebt in Häusern zusammenflickt aus Holz, Stein, Pappen und Plane. Wir haben in ein Haus sehen dürfen, in dem ein riesiger Berg Kleidung auf dem staubigen Holzboden lag. Dieser Berg dient als Schlafplatz. Einige Kleidungstücke werden in kalten Nächten als Decke benutzt. Wer kein starkes Immunsystem hat, überlebt die kalten Winter (durchschnittlich -3 °C im Januar) nicht. Die Menschen dort leiden unter Hunger und Infektionskrankheiten. Die Kindersterblichkeit ist sehr hoch.

Die Reise wurde in enger Zusammenarbeit mit einem Pfarrereherpaar von der evangelischen reformierten Kirche in Neu-Isenburg geplant, die seit fünf Jahren in Transkarpatien helfend tätig ist. Die Beiden begleiteten uns auf der Reise.

Wir spielten in fünf Tagen 8 Shows und machten 3 ausgiebige Walkacts. Insgesamt haben wir ca. 3000 Kinder erreicht. Eine Show dauerte 45 Minuten.

Wir spielten in Schulen, in Zigeunerlagern und sogar in einer Klinik in ganz Transkarpatien.

Itinerary Date :05.05.2009

1. Tag - Die Ankunft

28.04.2009

Wir waren erleichtert als das schon etwas ältere Flugzeug der Air Ukraina nach einer schwungvollen Landung auf dem Militärflughafen von L`viv (Lemberg) landete. Die Beamten mit den großen Militärhüten machten einen strengen Eindruck und hielten uns gleich die Hand vor die Linse, als wir die alten Flughafengebäude aus der Stalinzeit fotografieren wollten. Vom Flughafen ging die Reise in einem Bus der reformierten Kirche Transkarpatiens ca. 400 km über die Karpaten Richtung Süden. Die Straße war, untypisch für diese Gegend, sehr gut ausgebaut, so dass wir nur fünf Stunden brauchten. Uns wurde erzählt, dass die Straße so gut ausgebaut sei, damit ein hochrangiger Politiker komfortabel seine Datscha in Transkarpatien erreichen könne.

Nach insgesamt zwölf Stunden Reise erreichten wir gegen 22 Uhr unsere Unterkunft, ein Jugendhaus der Diakonie in der Nähe von Beregovo. Dort wurde als Erstes die Woche durchgeplant.

Das war für uns ein erster Einblick in das kommende Verwirrspiel der vielen Sprachen. Denn es wurde auf Russisch, Ungarisch, Ukrainisch und Deutsch kommuniziert. (Vielen Dank an die Übersetzerin!)

Die Kirche ist oft das einzige Sprachrohr der Menschen dort. Somit war es nicht verwunderlich, dass auch hier in Transkarpatien ein Pfarrer und seine Frau unsere Ansprechpartner waren. Die Beiden planten mit uns die Woche und begleiteten uns abwechselnd zu den Auftrittsorten.

2. Tag

29.04.2009

Vormittags besichtigten wir das diakonische Zentrum der reformierten Kirche Transkarpatiens und ein Altenheim, um die karitative Arbeit der Kirche dort kennenzulernen. Dann schauten wir uns ein Zigeunerlager an. Es ist von einer zwei Meter hohen Mauer umgeben. Sie wurde errichtet, damit die Kunden einer Firma in der Nachbarschaft nicht abgeschreckt werden.

Hinter dieser Mauer leben ca. 2000 Familien. Es gibt einen kleinen See als Badestelle, dessen Ufer aber auch als Müllhalde genutzt werden. Strom haben nur einige wenige, und dann auch nur drei Stunden am Tag. Es gibt zwei Trinkwasserstellen im Lager. Die städtische Wasserstelle wird abgestellt, wenn die Bewohner des Lagers die Wasserrechnung nicht bezahlen können. Es bleibt nur eine Wasserpumpe, die ihnen 2008 von einer deutschen Gemeinde gespendet wurde, und die konterminierte Badestelle.

Der Gang durch das Lager war sehr beklemmend. Es lag viel Müll herum. Viele Menschen waren schmutzig und rochen sehr stark. Wir spürten, dass es nicht jedem der Bewohner Recht war, dass wir dort waren. Als This und Constantin aber spontan zu spielen begannen, schwang die Stimmung sofort um. Die Kinder spielten mit, und die Erwachsenen freuten sich sichtlich darüber.

3. Tag

30.04.2009

Am Donnerstag spielten wir in zwei Volksschulen für ukrainische Kinder. Seit dem Jahr 1945 gibt es in Transkarpatien keine Zirkuskultur mehr. Die Schüler der ersten Schule durften sich während der Show auf dem Schulhof nicht setzen. Und das Lehrpersonal achtete in beiden Schulen sehr auf ein geordnetes Miteinander, unter anderem weil fremder Besuch unüblich ist, und wenn, dann nur von der Schulbehörde angeordnet ist. So brauchten die sechs- bis sechzehnjährigen Kinder ein wenig Zeit, die Disziplin der Klassenzimmer zu vergessen. Aber ziemlich schnell siegte die Neugier an den Clowns aus Deutschland. Nach den Shows waren Autogramme an Armen und Gesichtern gefragt. Einige übten auch gleich das Balancieren des Besens auf dem Kinn mit schwerem Gartengerät. So wie sie es in der Show gesehen hatten.

4. Tag

01.05.2009

Am Freitag spielten wir in einem Zigeunerlager vor der Kirche. Die Kirchenplätze sind oft die einzigen sauberen Spielstätten in den Lagern gewesen, deshalb fanden die Vorstellungen meistens dort statt. Da die Kinder bereits wussten, dass wir kommen würden, waren die meisten von ihnen frisch gewaschen und hatten ihre besten Kleider für uns angezogen.

Die Nachmittagsshow spielten wir für ukrainische Kinder. Sie fand wieder in einer Schule statt. Wir spielten unter kleinen Obstbäumen im Garten und da Feiertag in der Ukraine war, brachten die Schüler auch ihre Familien mit.

Und im Anschluss gingen wir im Clownskostüm durch die Kinderstation eines Krankenhauses und brachten die Kinder dort zum Lachen. Die städtischen Kliniken in Transkarpatien sind in einem sehr schlechten Zustand. Beregovo ist da keine Ausnahme. In den Zimmern standen alte Betten mit durchgelegenen Matratzen. Die medizinischen Geräte sind völlig veraltet. Medikamente muss man selbst in der Apotheke nebenan kaufen. Die ganz kleinen Kinder, die ins Krankenhaus kommen, bleiben oft als Waisen dort zurück, weil ihre Eltern sich eine Behandlung nicht leisten können. Diese Armut betrifft die ukrainischen Eltern genauso wie die Zigeuner.

5. Tag

02.05.2009

Am Vormittag besuchten wir in Munkatschewe das Medical Center der reformierten Kirche. Wir konnten dort einen weiteren Eindruck von der Arbeit der Diakonie bekommen. Das Medical Center besitzt im Umkreis von 400 km die modernsten medizinischen Diagnosegeräte. Hier wird man auch behandelt, wenn man arm ist. Das Medical Center finanziert sich über Geld- und Sachspenden. Viele davon kommen aus Deutschland.

Am Nachmittag spielten wir in der Kirche eines weiteren Zigeunerlagers. Hier lernten wir den Altbischof kennen. Sein jahrelanger Einsatz für die Zigeuner in Munkatschewe hat dazu geführt, dass einige Familien gelernt haben, sich ihre eigenen festen Häuser zu bauen und sich im sesshaften Leben besser zurechtzufinden. Im Anschluss gingen wir in Begleitung des Zigeuner-Bürgermeisters als Walkact durch das Lager, um die Kinder zu erreichen, die nicht in die Kirche kommen wollten. Dieses Zigeunerlager war ordentlicher und aufgeräumter als das in zuvor besuchte. Dazu hat sicherlich auch die Arbeit des Altbischofs beigetragen.

6. Tag

03.05.2009

Am Sonntag war Muttertag in der Ukraine und wir traten als Walkact im Rahmen einer Veranstaltung in einem kleinen Dorf auf. Danach spielten wir für die Zigeuner des Lagers im Nachbardorf. Um möglichst viele Menschen zu unserer Show einzuladen, machten zuerst einen kleinen Walkact durch das Lager. This und ein Zigeunermusikant bildeten mit Kazoo und Gitarre den Soundtrack für fröhliche Tanzbegegnungen zwischen den Clowns und den alten Zigeunerfrauen. Sie hatten sichtlich ihren Spaß mit uns. Marc konnte nicht widerstehen, auf einen näherkommenden Pferdewagen zu klettern. Der Kutscher griff angespornt von den vielen Zuschauern zur Peitsche und trieb sein Pferd in wildem Galopp aus dem Lager – als wertvolle Ladung unseren südafrikanischen Clown Conc hinten im Wagen. Das zog, man hätte es nicht besser inszenieren können, die Menge mit sich und brachte uns ein großes Publikum bei der Show ein. Der Kutscher allerdings dachte nicht daran, am Platz der Aufführung anzuhalten, sondern raste die Straße hinunter und aus dem Dorf hinaus. Marc stand jetzt vor der Wahl, sein eigenes Abenteuer mit dem Kutschenfahrer fortzusetzen oder abzuspringen und beim Auftritt im Zigeunerlager weiter mitzumachen. Glücklicherweise sprang er ab.

7. Tag

04.05.2009

Am letzten Tag spielten wir in zwei weiteren Zigeunerlagern.Die Shows bei den Zigeunern sind immer sehr lebendig gewesen. Es gab viel Spiel zwischen ihnen und den Clowns. Eltern, Großeltern und Kinder lachten aus ganzem Herzen und kommentierten lautstark unsere Shows.

Montagnacht traten wir dann die Heimreise an. Erst fuhren wir mit dem kleinen Bus zurück nach L’viv. Nach zwei Stunden Wartezeit in einer Bahnhofskneipe konnten wir um sieben Uhr morgens einchecken und flogen nach Frankfurt.

Der hochmoderne Flughafen in Deutschland ließ uns die Armut Transkarpatiens noch mal viel intensiver sehen.

Einblick und Ausblick

05.05.2009

Unser Team stellte sich schnell aufeinander ein, so dass die Reise ungewöhnlich harmonisch verlaufen konnte.

Das war gut, denn die sieben Tage waren auch sehr anstrengend. Die Clowns litten alle abwechselnd an Magen- und Darmproblemen, was wohl auf das ungewohnte Essen und den vollgepackten Spielplan zurückzuführen ist. Es gab so viele Eindrücke, die man gar nicht verarbeiten konnte, da es immer gleich weiter ging. Der Wunsch der Menschen vor Ort, uns am liebsten drei oder mehr Shows am Tag spielen zu lassen, überstieg unsere Möglichkeiten. Denn eine Show bedeutete immer auch einen kleinen Walkact davor und danach. Wir freuen uns aber sehr, in einer Woche 3000 Kinder in Transkarpatien erreicht zu haben.

Die Reise hat unsere Neugier geweckt, mehr über die Menschen in Transkarpatien wissen zu wollen. Viele Menschen leben dort in bitterer Armut. Der Staat ist ihnen keine Hilfe. Die Zigeuner haben zudem noch mit starken Vorurteilen aus der „weißen“ Bevölkerung zu kämpfen. Wir möchten die Kinder dort zum Lachen bringen und ihrem Leben für ein paar Momente mehr Leichtigkeit schenken. Wir haben die Not gesehen und wir möchten mithelfen, diese durch Humor und Lachen zu lindern.

Eine große Hilfe waren das Pfarrerehepaar. Sie haben uns Zusammenhänge erklärt und uns mit den Menschen bekannt gemacht, die in Transkarpatien leben und helfen. Um Ihre Arbeit weiter betreiben zu können, wollen sie nicht namentlich genannt werden. Ebenso nannten wir die genauen Auftrittsorte nicht um Probleme mit den Behörden zu vermeiden.

Zum Schluss noch etwas Schönes

In der Nacht auf Freitag, den 1. Mai, lernten wir einen alten regionalen Brauch kennen: die „Serenade“. In dieser Nacht mietet sich jeder verliebte Mann ein kleines Orchester (auch Zigeunerorchester) und zieht damit zum Haus der Frau, die er heiraten möchte. Dort spielt das Orchester und der zukünftige Bräutigam singt dazu. Die Frau macht nun entweder das Licht dreimal an und aus, um zu zeigen, dass sie die Musik vernommen hat oder sie kommt heraus und lädt den zukünftigen Ehemann und das Orchester zu sich ins Haus ein. Außerdem schmückt der Mann die Bäume und Zäune am Garten der Geliebten. Wemm sie ihn auch heiraten möhte, stellt sich die Frau dann am kommenden Tag unter den geschmückten Baum und erwartet den nächtlichen Sänger.
Marc hatte das Glück, die Musik zu hören. Er sagt, er hat ganz in der Ferne ein Saxophon gehört, dessen Töne sanft durch die Nacht getragen wurden.

Gepostet am

22.03.2020